Ein Schrottplatz im Obstgarten
Eine kleine Reise in die Vergangenheit

Eines Tages kam mein Kumpel Roland an und erzählte mir, er hätte durch Zufall einen Bauern kennengelernt, der längst schon Rentner wäre und welcher in seinem Obstgarten hinter dem Haus haufenweise die Reste seiner alten Autos aufbewahrt hätte. Roland war mit dem Bauern ins Gespräch gekommen, weil er zu der Zeit einen Opel Rekord Olympia Caravan vom Baujahr 1962 fuhr, den wir in mühevoller Arbeit restauriert hatten.

Unsere Ankunft auf dem Hof. Rechts die erste Reihe
Unterstände, die wirklich sagenhafte Schätze bargen.

Der Bauer hätte "So einen habe ich auch mal gehabt" gesagt und in einem Nebensatz erwähnt, daß die Reste davon "noch irgendwo hinterm Haus" herumliegen müßten. Rolands Kombi fehlten ein paar Teile - vor allem die Zierteile, Leisten und Embleme waren nicht vollständig. Der Bauer hatte Roland angeboten, doch mal selber zu gucken, was er finden könnte.

Ein paar Tage später sind wir dorthin gefahren - mehr durch Zufall hatte ich meine Kamera dabei und habe sehr bedauert, daß ich nur noch den halben Film und keinen weiteren mehr zur Verfügung hatte. Voll hätte ich den allemal bekommen. So kann ich die verpaßte Gelegenheit nur betrauern und verwerten, was ich damals aufgenommen habe.

Als wir auf dem - etwas abgelegenen - Bauernhof ankamen, fielen uns die Unterstände auf, die sich fast rund ums Haus erstreckten. Dort hatte der Bauer seine alten Trecker, Anhänger, Eggen, Pflüge und sogar einen kompletten Mähdrescher untergebracht. Ich bemerkte dazwischen vier VW Käfer der Baujahre 1957 bis 1968, die alle zumindest äußerlich noch halbwegs gut erhalten waren. Nun stellt niemand ein Auto ab, wenn es nicht einen bestimmten Grund dafür gibt. Aber der Bauer war zunächst äußerst wortkarg und wenig mitteilsam, vor allem, als er bemerkte, daß ich Fotos machen wollte.
"Was willste den Kram denn aufnehmen ?" fragte er mißtrauisch. In der Vergangenheit hatte er schon mal Ärger mit den Behörden gehabt, so deutete er später an, die seinen 'Privat-Schrottplatz' abräumen wollten und ihm eine saftige Strafe angedroht hatten. Zum Glück hatte sich das später irgendwie wieder im Sande verlaufen und so waren die Sachen an ihrem Ort geblieben.
"Nee - ich habe noch nie gern was weggeworfen." gab er zu. "Klar, ein Auto hab' ich hinten in der alten Müllkuhle stehengelassen. Ist wohl verschüttet worden."
Heute wachsen dort Bäume und ich konnte mich schwach erinnern, daß wir auf einer Wanderung mit der Grundschule 1968 mal an dem alten Müllplatz vorbeigekommen waren. Diese Mülldeponie ist Anfang der Siebziger geschlossen und mit Erde zugeschüttet worden. Damals (1968) habe ich allein zehn Autowracks dort gezählt, die wohl immer noch dort sind und eine sogenannte 'Altlast' darstellen. Aber das nur am Rande.

Die ersten Funde: hinter einem Fiat 600 von
ca. 1960 stand die komplette Lenksäule eines
Opel Olympia von 1960, rechts eine Beifahrertür
des Opel. Durchgerostet, aber vollständig.

Zum Glück taute der alte Herr im Verlauf unseres Gesprächs auf, umsomehr, als ich mich an den Müllplatz erinnern konnte und er mitkriegte, daß wir wohl wirklich nur etwas verrückt nach alten Autos waren. Wir begannen also unsere Wanderung durch den Obstgarten und versuchten, die Fundstücke irgendwie zeitlich und nach Fahrzeugen zuzuordnen. Das war manchmal ganz hübsch schwierig, weil einige Stücke schon arg verrostet waren.

Primär waren wir an Teilen für den Rekord Olympia interessiert und der Besitzer führte uns hinter eine kleine Scheune, in der ein 1947er Hanomag Einzylinder Trecker mit Verdampfungskühlung im Dornröschenschlaf lag. Hinter der Scheune stießen wir zuerst auf die Reste eines weißen Fiat 600, etwa aus den Jahren 1958 bis 1962 - schwer zu schätzen - immerhin hatte er noch die hinten angeschlagenen 'Selbstmördertüren'. Mein Vater hatte von 1961 bis 1964 so ein Modell, allerdings die stärkere 700er Ausführung.

Dort fanden wir die ersten Opelteile: eine Lenksäule inklusive Schaltgestänge und mit einem leidlich gut erhaltenen weißen Bakelit-Lenkrad. Hinter dem Fiat lehnte eine Beifahrertür des gesuchten Wagens, stark verrostet, aber mit heilen Scheiben, Türschloß, Zierleisten und brauchbarer Innenverkleidung. Obwohl das Ding aus kunstlederbezogener Pappe bestand, hatte es die Jahreszeiten recht gut überstanden.

"Was ist eigentlich mit dem Wagen passiert ?" fragte ich neugierig. Ich hätte es lassen sollen.
"Den habe ich zersägt." Zuerst dachte ich, ich hätte nicht richtig gehört. "Doch, genau. Erst habe ich versucht, die Teile mit dem Beil auseinander zu kriegen, aber das ging nicht so gut. Da habe ich die einzelnen Teile mit der Säge auseinander genommen. Hatte aus dem Auto einen Wasserwagen für die Kuhweide gemacht. Dach ab, hinten das 400 Liter Faß drauf und konnte damit zum Wasserholen immer zum Hof zurückfahren. Ging ein paar Monate gut, dann war das Fahrgestell hin."

Irgendwie fand sich eine zweite Tür:
wieder die Beifahrerseite. Ebenso gut erhalten.
Rechts das bewußte 400 Liter-Faß.

"Und den Rest ?"
"Aus der Vorderachse mit dem Motor habe ich mir 'ne Kreissäge gebaut ... der Rest liegt hier noch irgendwo rum."

Wenn ich es nicht gesehen hätte, ich würde es nicht glauben. Die 'Eigenbau-Kreissäge' sollte ich später auch noch zu Gesicht bekommen. Er hatte einfach das Differential geöffnet und das Sägeblatt mit einer aufgeschweißten Spannvorrichtung an das Kegelrad montiert. Den Rest der Hinterachse hatte er 'einfach weggebrannt'.
Unglaublich. Aber so besaß er eine Dreigang-Kreissäge mit 55 PS. Den Sägetisch war aus alten Eichenbalken 'konstruiert' - ohne Messerschutz, ohne Abschaltung ohne irgendwas.
"Gut zum Balkensägen." kommentierte der alte Herr schlicht. Er hatte noch alle Finger, was mich doch etwas wunderte.

Markanter Punkt im Garten war ein NSU-Fiat 1100 Neckar, Baujahr um 1957, auf den ich später noch näher eingehe. Eine Menge Dächer, Hauben und einzelne Türen und Kotflügel lagen hier draußen herum.
"Habe in den Sechzigern 'ne Menge Autos zerlegt. Die meisten Hauben und Dächer habe ich zum Abdecken von Beeten verwendet oder um sie über Maschinen zu decken."
Pragmatischer Umgang mit der automobilen Vergangenheit. Viele Hauben stammten von alten Opels der Fünfziger, überhaupt schien er ein Faible für diese Marke gehabt zu haben.
"Ja ja, waren ganz stabil die Dinger." Nicht stabil genug für seine Sägen, Hämmer und Schweißbrenner, wie es aussah.

Nach sowas hatten wir gesucht:
Das Heckteil eines Caravan.
Wir hätten nur ein vollständigeres
vorgezogen. Immerhin ...

Eher nicht.

Das umgekehrt liegende Hecksegment eines Olympia Caravan sprach eine eigene Sprache: Rustikal waren die Dachholme mit einer Axt abgetrennt worden und mit einem Schweißbrenner das hintere vom vorderen Teil extrahiert.
"Das Vorderteil steht da drüben unter den Planen. Da habe ich die Säge draus gemacht."
Aha, dann waren dies hier also die sterblichen Überreste der motorisierten Rindertränke. Man gönnt sich ja sonst nix. Ob die Rindviecher es zu würdigen gewußt haben, ist nicht überliefert. Wildromantisch lag da nun das Heckteil. Mitsamt Chromleisten, Rücklichtern, Tankverschluß und den lange gesuchten Flaggen-Emblemen. An beiden Seiten ! Meine Güte, was hatten wir uns vergeblich die Füße auf Teilemärkten wundgelaufen, um diese Dinger zu kriegen und hier lagen sie, noch 'am Fahrzeug' (R.I.P.), etwas übergemoost und leicht stumpf, aber heile und fast unverkratzt. Sogar die Zierleisten waren noch verwendbar, von ein paar Beulen abgesehen und des Umstands ungeachtet, daß die verrosteten Befestigungsschrauben bei der Demontage grundsätzlich abrissen.

... die Embleme waren vorhanden.

Selbst die als 'Teenager-Busen' berühmt gewordenen, spitz zulaufenden, runden Rückleuchten (Rückleuchte und Brems-Blinkleuchte beides in rot) waren nach gründlicher Reinigung sofort zu verwenden und sogar besser erhalten, als die, die wir an Roland Caravan geschraubt hatten. Nur die Rückstrahler hatte es zerbröselt. Rückfahrscheinwerfer ? gab es nicht bis zum Modelljahr '63, als alle Autos gelbe Blinker bekamen. Und danach kam der Rekord 'A' mit renovierter Karosse und rechteckigen Kombinations-Leuchteinheiten.

Aber das war schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Wie man an dem Bild sieht, ist man im Alter nicht auf Rosen gebettet. Eher auf einem anderthalb-DF Kalksandstein. Warum so liebevoll eine halbe Wellasbestzementplatte über das Fragment gelegt wurde, wird wohl auf ewig unbeantwortet bleiben. Gerüchteweise wurde das Heckteil mal als Kaninchenstall zweckentfremdet und schätzungsweise sollte damit verhindert werden, daß die Langohren sich durch das Loch davonmachten, was der entfernte Tank im Unterboden hinterlassen hatte. Aber das ist - wie gesagt - ein unbestätigtes Gerücht. Die Antwort bleibt uns die Geschichte schuldig. Und der Landwirt wußte es auch nicht mehr so recht.

Morsche Technik zwischen saftigem Grün. Ein Panorama.

Ein erster Rundblick lenkte den Blick des erschütterten (oder beeindruckten) Beobachters zwangsweise auf das Diorama, was der sieche 1100er Fiat und die modernistische Wellblechgarage bildeten: der gebrechliche Italiener mit deutschem Paß hatte es gerade noch bis in die Freiheit geschafft, um dann zwischen den Bäumen zu verenden und langsam auseinander zu fallen. Die Garage indessen beherbergte einen weiteren Schatz des alten Herren, jenen weiter oben erwähnten 1947er Hanomag-Traktor.
Nun, man wird im Leben öfters dazu gezwungen sein, Prioritäten zu setzen, welches bewahrenswert ist und welches der Verdammnis anheim fallen darf. In diesem Fall schien der Hanomag gewonnen und der antike Italowagen verloren zu haben. Seit er dort (ungefähr 1968 - so genau konnte der Besitzer sich nicht entsinnen) abgestellt worden war, ist seine Karosse dem Verfall preisgegeben. So richtig rostresistent waren die Turiner Vehikel bekanntlicherweise denn auch nie. Und sind es - bösen Zungen zufolge - auch heutzutage noch nicht.

Anderen Fahrzeugteilen wird durch die Rostresistenz eine seltsame Reinkarnation zuteil: das abgetrennte Dach des Olympia Caravan ist auf dem Bild im Hintergrund rechts zu sehen. Eisenstangen in den ehemaligen Dachholmen hielten es in die Höhe und auf diese Weise diente es zeitweise als Abdeckung für eine weitere, draußen gelagerte Maschine.

Quod erat demonstrandum: Italiener sind weltoffen.
Zumindest, wenn sie lange genug draußen herumstehen.

Doch der Geist ist willig und die Substanz ist morsch.

Eine nähere Betrachtung des Oldie-Fiats (Sammler und Freunde werden vor Entsetzen aufschreien) förderte zunächst mal unendlich viel Zerfall zutage. Rolands damalige Frau Tina demonstrierte auf dem nebenstehenden Bild, daß der Kofferraumdeckel modernen Anforderungen bezüglich des Zugriffsschutzes gegen 'Dritte' in keinem Fall mehr genügte. Eine gewisse 'Weltoffenheit' läßt sich natürlich nicht leugnen, nur ist es im Sinne des Erfinders, wenn das Gepäck naß wird ? Welches Gepäck übrigens - der Wagenboden war ebenso schlecht erhalten und jedwede Last wäre glatt auf die Straße geplumpst. Ohnehin hatte das Schicksal der deutsch-italienischen Co-Produktion übel mitgespielt: nach einem Unfall, bei dem die vordere linke Seite beschädigt wurde, war er im Garten abgestellt worden und Regen, Sonne, Rost und eindringende Feuchtigkeit schienen ihm das Rückgrat gebrochen zu haben, wie sich an der schlechten Türpassung der hinteren Seitentür ableiten läßt. Auch die strebende Funktion der Dachsäule dürfte mit Recht in Frage gestellt werden. Ein Eindruck der jedoch täuschte. Bei der Tür war lediglich die Außenhaut abgegangen und die Dachsäule ... naja, das Ding würde ohnehin nirgendwohin mehr fahren. Zumindest nicht aus eigener Kraft.

In der Tat haben unsere archäologischen Bemühungen (und die Erzählungen derselben) dazu geführt, daß jemand den kleinen Fiat aus seinem Exil befreite. Natürlich nicht, um ihn zu restaurieren - man geht ja auch nicht mit einem Tiefkühl-Hähnchen zum Tierarzt - sondern um ihn als wohlfeilen Teileträger zu nutzen. Der gerentnerte Landmann hat ihm die Alternative gelassen: entweder alles oder nichts. Der Interessent hat sich für 'Alles' entschieden. Und der Fiat war insofern entgegenkommend, als daß er es unterlassen hat, noch an Ort und Stelle auseinander zu brechen, als man ihn mit einem Trecker mit Frontlader auf einen Anhänger verlud. Das hat er sich für den Moment aufgehoben, als man ihn wieder davon herunterheben wollte.

Der schlichte Charme der Fünfziger und ein Hauch von Moder.
Das Signet auf dem Lenkrad identifizierte das Auto als NSU-FIAT
mit Geburtsort Heilbronn und nicht Turin.

Tja, alte Bäume kann man eben nicht umpflanzen.

Inzwischen ist der kleine, intime Privat-Schrottplatz im Obstgarten längst Legende. Nach den mir vorliegenden Informationen ist der alte Bauer unterdessen hochbetagt verstorben und ordentlich auf einem regulären Friedhof beigesetzt ... obwohl, man weiß bei diesen Leuten nie ... ! Der neue Hofbesitzer, ein jüngerer Verwandter des alten Bauern, hatte für 'das alte Gelumpe' keinen Verwendungszweck gehabt, nicht mal die leistungsstarke Kreissäge konnte bei ihm auf Gnade hoffen. Der Schrotthändler aus der Gegend hat Überstunden machen müssen und das meiste Zeug ist wohl inzwischen irgendwo als VW Polo oder Opel Astra wiedergeboren. Im Zuge gewachsener Sensibilisierung gegenüber des Umweltschutz-Gedankens sind solche Obstgärten mittlerweile wohl nirgendwo mehr anzutreffen, außer vielleicht in ganz abgelegenen Gegenden, dort wo das wachsame Auge der Behörden größtenteils am grauen Star leidet und die Ausführungsorgane nicht soviel Wert auf Karriere legen. Möglich, daß irgendwo im tiefsten Bayern, irgendwo in Sachsen-Anhalt oder windgeschützt vor friesischen Deichen noch jemand seine alten Vehikel um sich geschart hat und sich nicht davon trennen mag.

Ich habe sowas bisher noch nicht wieder gefunden. Und wenn ich nochmal wieder über sowas stolpern sollte, würde ich mehr Filme und eine bessere Kamera mitnehmen. Hat vielleicht jemand einen Tip für mich ?


Liebenswertes Stilleben von Dichtung und Wahrheit
Unwiderstehlich ist der Zwang zur Vergänglichkeit

Zurück

Zu dieser Geschichte inspiriert worden bin ich durch das Buch
"Schlafende Schönheiten - ein wahres Automärchen"
von Herbert W. Hesselmann mit Texten von Halward Schrader,
erschienen 1986 beim Ellert & Richter Verlag, Hamburg, ISBN 3-922294-71-5.
Leider war es uns nicht vergönnt, wirklich hochkarätige Pretiosen wiederzuentdecken,
es waren auch nicht gleich 50 auf einmal, aber besser wie nix war es allemal.

© 1996 Peter H. Wendt